![]() | Hauptmann, Gerhart |
1862 in Schlesien geboren zählt Gerhart Hauptmann zu den bedeutendsten
Vertretern des Naturalismus. Sein umfangreiches Schaffen ausschließlich
darauf zu beziehen, wäre indessen den Intentionen des Autors ebenso
wenig gerecht wie der stilistischen Vielfalt seiner Dramen. Die
Verbundenheit mit seiner schlesischen Heimat und die in seiner Jugend
erfahrene wirtschaftliche Not bestimmen immer wieder seine Themen,
Motive und Charaktere.
Nachdem er mit 16 Jahren die Realschule verlassen hat, beschäftigt
er sich mit vielen unterschiedlichen Studien, ohne sich für die eine
oder andere Richtung entscheiden zu können.
Die Heirat mit einer Großkaufmannstochter enthebt ihn materieller
Sorgen und sichert die Existenz eines freien Schriftstellers. 1889
führt die Uraufführung des sozialen Dramas Vor Sonnenaufgang am Berliner Lessing-Theater zu einem handfesten Theaterskandal.
Seine Schaffenskraft leidet darunter nicht. Im Gegenteil: 1893 werden die Dramen Die Weber, Der Biberpelz und Hanneles Himmelfahrt
innerhalb von zehn Monaten an drei Berliner Bühnen uraufgeführt. Bald
zählt der "Revolutionär" zu den Etablierten, wird als Volksdichter
gefeiert und erhält 1912 den Literatur-Nobelpreis, während ihm im
Kaiserreich von "Allerhöchster Stelle" der Schiller-Preis verweigert
wurde.
Die Weimarer Republik hingegen feiert in Hauptmann den
repräsentativen, weltoffenen Patrioten. Die Nationalsozialisten
missbrauchen Namen und Werk zu Propagandazwecken. Hauptmann bleibt in
Deutschland, wendet sich aber in der Auseinandersetzung mit der
griechischen Mythologie neuen Stoffen zu. In hohem Alter stirbt er am
6. Juni 1946 in Agnetendorf im Riesengebirge, kurz nachdem er von den
russischen Besatzungsbehörden aufgefordert worden war, sein Haus und
seine Heimat zu verlassen.
Gerhart Hauptmanns Werk ist noch nach mehr als hundert Jahren auf den
Theatern lebendig geblieben, und seine Figuren sind so lebendig wie
ehedem. Es sind Überlebenskämpfer in einer sich überschlagenden Zeit,
Menschen, die ihre Ängste und Hoffnungen, ihre Überforderung, ihre
unerfüllten Träume mit sich herumschleppen, die laut die Schuld am
eigenen Missglücken dem Andern aufbürden, die lieber austeilen als
einstecken - Menschen der modernen Zeit eben!
Schauspiel aus den vierziger Jahren
11D, 27H, Nebendarsteller
UA: 26.02.1893, Freie Bühne Berlin
Peterswaldau im Jahr 1844. Durch das Aufkommen mechanischer Webstühle
und Fabriken hat sich die Lage der schlesischen Handweber dramatisch
verschlechtert. Im Haus des Fabrikanten Dreißiger liefern die
Barchentweber ihre fertige Ware ab, die von Expedient Pfeifer
unbarmherzig kritisch begutachtet wird. Viele der hungernden Weber
bitten um Vorschuss, erhalten aber stattdessen Lohnkürzungen wegen
angeblich fehlerhafter Ware. Ein kleiner Junge bricht vor Hunger
zusammen, während Dreißiger über die Risiken eines Unternehmers
doziert. Beim Häusler Wilhelm Ansorge in Kaschbach sitzen die Frauen
und Kinder der Familie Baumert an ihren Webstühlen, als der Reservist
Moritz Jäger von seiner Militärzeit heimkehrt. Er hat aufrührerische
Ideen mitgebracht – und ein Lied, das "Blutgericht", in dem die
Anwesenden erschüttert ihre eigene Situation wieder erkennen. Ein
Aufstand bricht los, dem sich immer mehr hungernde Weber anschließen.
Sie dringen schließlich in Dreißigers Wohnhaus ein und zerschlagen die
Einrichtung, der Fabrikant flieht mit Familie und Angestellten. Der
Aufstand greift auf benachbarte Orte über, es kommt zu
Auseinandersetzungen mit dem Militär. In Langenbielau dringen die
Nachrichten über den Aufstand auch in die Stube des alten Hilse und
seiner Familie vor. Sein Sohn ist den Aufrührern begegnet. Er will sich ihnen anschließen und auch seinen Vater davon überzeugen. Der Alte weigert sich empört: Er glaubt an die Gerechtigkeit im Gottesgericht. Schließlich bleibt er allein mit seiner Frau in der Stube zurück, wird von einer verirrten Kugel getroffen und stirbt auf seinem Webstuhl.
In Vorbereitung auf Die Weber recherchierte Hauptmann sehr genau über die Ereignisse des Weberaufstands 1844 und reiste 1891 ins Eulengebirge, um die Dörfer der Hausweber zu besuchen. In seiner
Darstellung hielt er sich eng an die historischen Tatsachen. Über den
gewaltigen Erfolg seiner Weber sagte Hauptmann später: "Wieso ist ein so kleines lokales Ereignis durch mein Drama über die Welt gegangen? – Weil irgend etwas in vielen Ländern Gemeinsames damals mitschwang."