19.10.221

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Neu bei FBE: "Wälder im Frühling" von Eva Rottmann
Jen ist schwanger. Mit 17. Sex: Ja. Irgendwie. Und mit irgendwem. Nini plagt...

Neu bei FBE: "NASSER #7Leben" von Susanne Lipp
Auf Grundlage von Nasser El-Ahmads Leben erzählt Susanne Lipp eine ganz...

Rückblick: UA von Anja Hillings "Wie kann ich dich finden, zu mir ziehen und überreden zu bleiben"
Am 27. September brachte Friederike Heller am Nationaltheater Mannheim ein...

UA: "Die Textil-Trilogie" von Volker Schmidt am Staatstheater Nürnberg
Das Staatstheater Nürnberg bringt am 13. Oktober gleich 3 Stücke von Volker...

Wiederentdeckt: "Das heilige Experiment" am Theater Orchester Biel Solothurn
Katharina Rupp hat Fritz Hochwälders historisches Gesellschaftsdrama Das...

UA: "Rasputin" am Theater Hof
Inszeniert von Roland Hüve und unter musikalischen Leitung von Michael Falk...

Neu bei FBE: "Tom Sawyer" von John von Düffel
In John von Düffels Adaption des Klassikers von Mark Twain erzählt der...

DSE: Arne Lygres "Nichts von mir" am Berliner Ensemble
Am Wochenende eröffnete das Berliner Ensemble sein Kleines Haus mit der...

Martina Clavadetscher für den Schweizer Buchpreis nominiert
Für den Schweizer Buchpreis wurden 78 Titel eingereicht, von denen nun fünf...

Hannah Biedermann für den FAUST nominiert
Für ihre Inszenierung "entweder und" am Jungen Ensemble Stuttgart ist Hannah...

Bestes Musical: Deutscher Musical Theater Preis für "In 80 Tagen um die Welt" von Gisle Kverndokk und Øystein Wiik
Der Hauptpreis "Bestes Musical" der Deutschen Musical Akademie ging in diesem...


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Fodor, Kate

Die amerikanische Autorin Kate Fodor, Jahrgang 1970, wurde zu ihrem Erstlingswerk Hannah und Martin inspiriert, als sich zwei Freunde von ihr über das Thema unterhielten: Die eine, eine Schauspielerin, versuchte die andere, eine Autorin, davon zu überzeugen, aus der Idee ein Theaterstück zu machen. Diese lehnte ab. Fodor jedoch, seinerzeit als Journalistin für Reuters tätig, nahm sich des Stoffes an – mit Erfolg: Im Jahre 2002 wurde sie für Hannah und Martin mit dem Roger L. Stevens Award des Kennedy Centers ausgezeichnet und lag unter den Finalisten für den Susan Smith Blackburn Prize. Die Uraufführung des Werks in Chicago Anfang Mai 2003 fand bei Publikum und Kritik großen Anklang. Seither war das Werk in mehreren Produktionen in Amerika zu sehen.

Kate Fodor lebt und arbeitet in New York.

 

Hannah und Martin

(Hannah And Martin)
Deutsch von Ursula Grützmacher-Tabori
3D, 2H, Nebendarsteller
UA: Mai 2003, TimeLine Theatre Company Chicago
frei zur DSE

November 1946. Hannah Arendt schreibt einen Brief an den Rektor der Freiburger Universität. Sie erklärt darin, dass sie ihre Meinung, Martin Heidegger müsse die Lehrerlaubnis entzogen werden, geändert habe, und bittet, Professor Heidegger wieder zur Lehre zuzulassen.

In Rückblicken wird die erste Begegnung Hannahs mit Heidegger in dessen Sprechstunde erzählt. Sie bewundert ihren Lehrer und ist begierig, von ihm zu lernen. Umgekehrt ist auch Heidegger fasziniert von Hannahs direkter Art, ihrem unbestechlichen Wesen, ihrer Begeisterungsfähigkeit. Zwischen beiden entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die Heidegger als Familienvater vor seiner Frau verheimlicht.

Bei einem heimlichen Treffen erwähnt Heidegger, er habe Aussicht auf den Rektorenposten in Freiburg. Er sieht in dieser Aufgabe die Möglichkeit, ganze Generationen junger Leute geistig zu prägen. Er glaubt sich in dieser Position als Retter. Als Heidegger tatsächlich zum Rektor ernannt wird, trennen sich ihre Wege. Während er mit den Nazis zu sympathisieren scheint, muss die Jüdin Hannah fliehen und nach Amerika emigrieren.

Als Hannah nach dem zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurückkehrt und Heidegger wieder sieht, konfrontiert sie ihn mit schweren Anschuldigungen. Ihre philosophischen Überzeugungen, ihr Stück gemeinsamen Weges, Heideggers Zutun zum Erfolg der Nazis – alle Fragen der Schuld werden erörtert. Hannah sieht sich einem Mann gegenüber, der seine Schuld teilweise eingesteht, der aber die Konsequenzen seiner Handlungen nicht in vollem Ausmaß annehmen kann und will.

Nach dieser Auseinandersetzung setzt Hannah ihren Brief an den neuen Rektor der Freiburger Universität auf, in dem sie bittet, Heidegger möge es erlaubt sein, weiter zu lehren. Bei aller Schuld findet sie eine Entschuldigung, indem sie Heidegger außerhalb der menschlichen Norm verortet. Sie spricht sich damit gegen ein kategorisches Schwarz-Weiß-Denken aus, für ein großzügiges Urteil und für Vergebung von Schuld.

Hannah und Martin ist ein Stück über zwei Denker, die sich ineinander verliebten, die einander beeinflussten, sich über ihre unterschiedliche Haltung zum Nationalsozialismus entfremdeten und anschließend über die Philosophie wieder zueinander fanden. Mit einem sicheren Gespür für Situationen und Sprache macht die amerikanische Autorin Kate Fodor die Welt von Arendt und Heidegger fassbar. Dabei entwickelt sich kein geschichtliches oder philosophisches Lehrstück, sondern vielmehr eine sowohl poetische als auch temporeiche Erzählung über Liebe, Hass, Sehnsucht und die Folgen ideologischer Verblendung auf der einen und vorschneller Verurteilung auf der anderen Seite. Ein Stück, das nachdenklich stimmt und zu Diskussionen anregt.